[DHd-blog] CfP: Materialität und Medialität: Aspekte einer anderen Ästhetik (2.-4.3.22, Tübingen)

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Der Sonderforschungsbereich (SFB) 1391 „Andere Ästhetik“ untersucht ästhetische Akte und Artefakte der Vormoderne im Spannungsfeld von Gestaltungswissen und sozialer Praxis. Während der Ästhetik unter den autonomieästhetischen Prämissen der Moderne eine weitreichende Eigengesetzlichkeit zugeschrieben wird, lassen sich ästhetische Akte und Artefakte in der Vormoderne nicht einem separaten Bereich ‚Kunst‘ zuordnen; sie erscheinen vielmehr als Teil vielfältiger gesellschaftlicher Praktiken. Deshalb versteht der SFB 1391 ästhetische Akte und Artefakte anders, das heißt dezidiert praxeologisch als flexible Akteure und Grenzgänger zwischen technisch-artistischen Eigenlogiken (Autologie) und pragmatisch-historischen Alltagslogiken (Heterologie).

Materialität und Medialität sind, so die Hypothese, zentrale Koordinaten einer ‚anderen‘ Ästhetik, die dazu genutzt werden können, die zugleich sozialen und gestalterischen Bedingungen vormoderner Akte und Artefakte greifbar zu machen. Bei der Untersuchung ästhetischer Akte und Artefakte können Materialität und Medialität insofern dazu beitragen, überkommene Hierarchien und Dichotomien der Geschichte der (Erforschung der) Ästhetik zu überwinden, z.B. die Unterordnung oder Unterwerfung des materialen bzw. Stoffaspekts von Akten und Artefakten unter ‚geistige‘ Paradigmen etwa der Form oder auch ein Ausspielen der künstlerischen Gestaltung gegen mediale Funktionen. In diesem Sinn bezeichnen Materialität und Medialität zunächst spezifische Hinsichten auf Akte und Artefakte, die verstärkt das Stofflich-Materiale einerseits und das Vermittelnd-Mediale andererseits als Aspekte einer anderen Ästhetik in den Blick rücken.

Die Aufmerksamkeit für Materialität und Medialität lässt sich weiterführend mit der konzeptionellen ‚Aufladung‘ verbinden, die beiden Begriffen in der jüngeren kulturwissenschaftlichen Theoriebildung zuteilgeworden ist. Demnach verweist Materialität auf weitreichende Diskursivierungen, Konzeptionalisierungen und Semantisierungen der Materialien, aus denen Akte und Artefakte bestehen. Vor allem aber betreffen die jüngeren Materialitätstheorien (etwa von Bruno Latour) die Rolle von Materialien im Kontext gesellschaftlichen Handelns, die nicht mehr auf ein passiv-gegenständliches Vorhandensein beschränkt ist, sondern von einer Widerständigkeit bei der Gestaltung über das Angebot von Handlungsoptionen bis hin zur quasi-menschlichen Handlungsfähigkeit reichen kann. Materialien sind zunächst konkret und physikalisch bestimmt: als Werkstoffe wie Metall, Papier und Stein, aber auch als Körper von Menschen und Tieren, ihre Lautäußerungen sowie allgemein Klänge. Die Beschaffenheiten und Eigenschaften von Materialien werden indes nicht allein durch ihre physikalische ‚Natur‘ festgelegt, sondern ergeben sich wiederum praxeologisch: durch den diskursiven, poietischen, praktischen oder reflexiven Umgang mit ihnen. Vor dem Hintergrund des theoretisch geöffneten Konzepts der Materialität können somit auch nicht-physikalische Bestandteile von Akten und Artefakten wie bildkünstlerische Sujets, literarische Stoffe, Imaginationen, Wissen usw. als Material erfasst werden, wodurch nicht zuletzt Darstellungen von Materialität sowie Spannungen zwischen behaupteter und faktischer Materialität (z.B. in der Alchemie) ins Blickfeld geraten.

Für die historische Medialitätsforschung (z.B. Christian Kiening) bezieht sich Medialität auf Vermittlungsprozesse im umfassenden Sinn: auf die Aspekte der Übermittlung von Botschaften ebenso wie der Vermittlung zwischen Akteuren oder Bereichen (etwa zwischen Immanenz und Transzendenz). Demgegenüber fokussiert der Medienbegriff einzelne Objekte, die durch vermittelndes Handeln als Medien bestimmt werden. Für das Verständnis medialer Vermittlungsprozesse ist die zentrale Verschiebung der neueren Medientheorie (nach Marshall McLuhan) vom Medienmarginalismus zum Mediengenerativismus (Sybille Krämer) entscheidend, wonach Medien keine ‚stummen‘ Transportbehälter für Botschaften oder Inhalte sind, sondern ihre Botschaft oder ihren Inhalt mindestens beeinflussen, in der Regel auch entscheidend formieren oder allererst erzeugen. Somit kann Medien eine bedingte artistische Eigenbedeutsamkeit (und auch Eigenaktivität) zugesprochen werden, weil sie semantische Potenziale des (autologischen) Formbegriffs übernehmen, ohne sich von ihrer sozialen Funktion, der (heterologischen) Vermittlungsarbeit, zu lösen.

Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Überlegungen sollen zentral die ästhetischen Akte und Artefakte der Vormoderne in den Fokus rücken. Wie bringen sie ihre Materialität zur Geltung? Wie beziehen sie Form und Medialität aufeinander? Welche Rolle spielen die theoretisch anvisierten Verschiebungen (von der Form zum Material, von der Ontologie zur Praxeologie, von Kommunikationsmedien zu Vermittlungsprozessen usw.) in der ästhetischen als sozialer Praxis? Wie wird diese Rolle (ästhetisch) reflektiert? Für die Tagung sollen die beiden Aspekte der Materialität und Medialität darüber hinaus mit dem praxeologischen Modell des SFB (vgl. https://uni-tuebingen.de/de/160699) korreliert oder konfrontiert werden. Mögliche weiterführende Fragen können lauten:

Wie situieren sich Materialien und Medien im dynamischen Spannungsfeld von Autologie und Heterologie?Welche Spannungen oder auch Konvergenzen zwischen Materialität und Gestaltung, zwischen Medialität und Vermittlung werden ästhetisch produktiv gemacht?Inwiefern durchdringen sich Materialität und Medialität im Rahmen des praxeologischen Modells? Wie lassen sich etwaige Durchdringungen methodisch konkretisieren und / oder theoretisch konzipieren? Welche Konfigurationen oder Handhabungen von Materialien und Medien lassen sich in bzw. an ästhetischen Akten und Artefakten beobachten?Welche Rolle spielen Intermaterialität und Intermedialität? Kommt es zu Phänomenen der Abblendung oder Negierung von Materialität und Medialität (Immaterialität, Immedialität)?Wie lassen sich die Affinitäten mit Ritualforschung und Performativitätstheorie vertiefen?

Zur Beantwortung dieser und weiterer Fragen werden Fallstudien und / oder methodisch-theoretisch orientierte Beiträge aus allen Disziplinen der Vormoderneforschung (etwa Archäologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften, Musikwissenschaft, Rhetorik, Theologie, Religionswissenschaften usw.) gesucht. Wir freuen uns über Beiträge, die sich auf die Ansätze des SFB 1391 beziehen, sie explorativ anwenden oder kritisch hinterfragen.

Bitte senden Sie Vorschläge für Beiträge auf Deutsch oder Englisch (25 Minuten) zusammen mit einem kurzen Exposé (max. 300 Wörter) bis zum 30.09.2021 an Jan Stellmann und Daniela Wagner (jan.stellmann@uni-tuebingen.de; daniela.wagner@uni-tuebingen.de). Die Tagung ist in Präsenz geplant, Kosten für Anreise und Unterkunft werden übernommen. Sofern ein Treffen vor Ort nicht möglich sein sollte, wird die Veranstaltung als Videokonferenz durchgeführt. Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Die Publikation der Beiträge in einem Sammelband ist geplant.

CfP-Deadline: 30.09.2021

Weitere Informationen zum Call for Papers finden Sie hier: https://bit.ly/3AjFtvM