[DHd-blog] Interview mit Thomas Stäcker, Leiter der Tagung „Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft“

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AmPlakat zur Tagung "Digitale Metamorphose" 2. November 2015 beginnt die dreitägige Tagung „Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft“, die von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB) im Rahmen des Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW) veranstaltet wird. Wir fragten Tagungsleiter Dr. Thomas Stäcker, ob es künftig überhaupt noch gedruckte Ausgaben geben wird, worauf bei der Erstellung einer digitalen Edition geachtet werden muss und was er sich von der Tagung erwartet.    

 

 

 

Herr Stäcker, werden digitale Editionen gedruckte Ausgaben verschwinden lassen?

Ich gehe davon aus. Allerdings werden mittelfristig gedruckte Editionen als Hybrid-Editionen neben digitalen Bestand haben. Dabei wird die gedruckte Ausgabe nur noch eine von mehreren möglichen Darstellungsformen der zugrunde liegenden Ausgabe sein.

Welchen Mehrwert bieten digitale Editionen der Forschung?

In Kürze ist diese Frage nicht abschließend zu beantworten. Letztlich kommen alle Aspekte zum Tragen, die mit der Maschinenlesbarkeit der Texte zu tun haben. Es liegt auf der Hand, dass digitale Editionen leichter durchsuchbar sind und im Internet gefunden werden. Die Darstellung selbst lässt sich flexibilisieren, die Ordnung der jeweiligen Teile skriptgesteuert verändern. Die Editionsfertigstellung wird dynamisiert und erlaubt Einsichten in frühere Textentwicklungsstadien. Man kann interne und externe Elemente verlinken und alle Arten von zusätzlichem Material, typischerweise Digitalisate von Originalquellen, integrieren. Viele Editionstypen wie zum Beispiel die genetische Edition lassen sich erst im digitalen Medium vollwertig abbilden.

Wie aufwendig ist die Erstellung einer digitalen Edition?

Der Aufwand ist nicht unerheblich. Es müssen nicht nur die üblichen philologischen und historischen Kriterien guter wissenschaftlichen Praxis erfüllt werden, sondern auch die Ebene der Maschinenlesbarkeit in ihren vielfältigen Ausprägungen bedacht und in die Edition hineinkodiert werden. Im Prinzip entsteht so für eine digitale Edition ein Mehraufwand, der aber dadurch wieder relativiert wird, dass die zunehmende Bereitstellung digitaler Ressourcen dabei hilft, Bearbeitungszeit zu sparen. So ließen sich Texte mit zahlreichen klassischen Zitaten ohne das Vorliegen von Perseus nicht in der Geschwindigkeit bearbeiten, die heute möglich ist.

Worauf muss bei der Erstellung einer digitalen Edition besonders geachtet werden?

Auf ihre Konsistenz und sorgfältige Dokumentation vor allem der informationstechnischen Aspekte, zum Beispiel in der Erläuterung des Markup. Wichtig ist auch, die Nutzung durch digitale Tools mitzudenken und den im Prinzip weltweiten Kontext zu berücksichtigen. Denn anders als gedruckte Ausgaben bewegen sich digitale nicht mehr in den engen Grenzen eines Buchdeckels.

Wie werden sich digitale Editionen in der Zukunft entwickeln?

Der Trend geht eindeutig in Richtung stärkere Standardisierung. Hier wird vor allem die TEI eine führende Rolle spielen. Zu erwarten ist auch eine stärke Integration in digitale Forschungsumgebungen wie zum Beispiel TextGrid. Ich gehe zudem davon aus, dass die digitale Wende in der Editorik zu einer diversifizierteren Landschaft möglicher Editionstypen führen wird. Die historisch-kritische Ausgabe ist dabei nur ein mögliches Modell. Die Entkoppelung vom Druck und damit von oft komplexen ökonomischen Fragen vermag neue editorische Formen freizusetzen, sodass weit mehr niederschwellige Formen das Licht der Welt erblicken werden, zum Beispiel kleinere Transkriptionen oder Übersetzungen, digitale Faksimile-Ausgaben mit Einleitungen sowie Faksimile-Ausgaben mit Transkription oder auch OCR-Bearbeitung. Die digitale Wende wird eine Renaissance der Editorik mit sich bringen.

Was erhoffen Sie sich von der Tagung?

Neue Impulse aus den Kernbereichen der Editorik und neue Entwicklungen. Wichtig wäre, diejenigen Züge der Editorik herauszuarbeiten, die für das digitale Medium spezifisch sind und bei denen es noch konzeptionelle Arbeit zu leisten gilt.

Dr. Thomas Stäcker ist kommissarischer Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB), Mitglied des Direktoriums von MWW und Leiter der Abteilung „Benutzung, Erhaltung und Integrierte Medienbearbeitung“ an der HAB. Gemeinsam mit Dr. Roland S. Kamzelak (Marbach) leitet er die Tagung „Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft“, die vom 2. bis 4. November im Rahmen des Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW) an der HAB stattfindet.  

Informationen zur Tagung und Programm auf der Webseite des Forschungsverbunds MWW: http://www.mww-forschung.de/veranstaltungen

Hinweis für Interessenten: Aufgrund der begrenzten Platzkapazitäten wird um Voranmeldung zur Tagung gebeten unter forschung@hab.de.