[DHd-blog] Digital Humanities – Buchsatz – Referenzierungstraditionen

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Die Digital Humanities sind auch in den Bereichen zu Hause, in denen am Ende ein Produkt entsteht, das gerne als Konkurrent des Digitalen gesehen wird: in der Produktion hochwertiger und schöner Bücher, d.h. insbesondere im Bereich Buchsatz. Schließlich werden Bücher heute in aller Regel digital gesetzt, häufig sicher mit dafür ursprünglich nicht vorgesehenen Office-Programmen. Ein professionelles System wie TUSTEP, das unbestritten ein mächtiges Werkzeug für computerphilologische Arbeiten und auch für den Buchsatz darstellt, hat jedoch durchaus die Probleme, die der historische Ballast eines seit 40 Jahren gewachsenen Systems mit sich bringt, in einigen Bereichen ist es klar modernisierungsbedürftig und die Lernkurve schreckt NutzerInnen ab.

TextGrid hatte seit den ersten Konzepten 2004 den komplexen Buch-Satz, d.h ein entsprechendes Modul dazu in Planung, es wurde jedoch schnell klar, dass die vorhandenen Kapazitäten nicht ausreichten, ein solch komplexes Werkzeug angemessen zu betreuen. Aus diesem Grund wurde das Modul ausgelagert; seit März 2010 wird es im Rahmen eines eigenen DFG-geförderten Projektes entwickelt: XML-Print: Ein Modul zum Druck wissenschaftlicher Texte mit komplexen satztechnischen Layoutanforderungen auf der Basis von XML-Daten, mit besonderem Blick auf die Anforderungen von kritischen Editionen und Wörterbüchern (www.xmlprint.eu). Quellcode, Beispiele und Screenshots der Oberflächen kann man hier einsehen.

Vier Dinge kann man vielleicht ganz besonders hervorheben:

Es soll für sich allein (als WebService) funktionieren, zugleich aber als TextGrid-Modul zum Leistungsumfang des TextGridLab gehören.Es wird von Fachwissenschaftlern und Informatikern (mit je eigener Erfahrung im Buchsatz) gemeinsam entwickelt.Es basiert auf Prinzipien von XML/TEI.Es hat eine ergonomische graphische Benutzerschnittstelle.

Ein besonderer Vorzug ist, dass der Anwender direkt mit seinen semantisch annotierten Daten arbeiten kann, ohne diese erst in ein programmspezifisches Layoutsystem überführen zu müssen. Stylesheets erlauben die regelgeleitete Formatierung der Daten sowie die Ausgabe nach PDF. Moderne grafische WYSIWIG-Benutzerschnittstellen erleichtern den Einstieg für weniger technik-orientierte Nutzergruppen.
Layout ist – gerade in Editionen und Wörterbüchern – Bedeutungsträger. Für mich als Geisteswissenschaftlerin ist es faszinierend zu sehen, wie der Konnex zwischen semantischen Markup, das inhärente Bedeutung expliziert, und die Definition entsprechender Layout-Strukturen in diesem Werkzeug zusammengehen. Alte und neue Codierungssysteme arbeiten zusammen.

Hier einige Gedanken vom aktuellen Projekt-Sprint (Stand 30.1.2012): Nachdem in der ersten Phase des Projektes die Grundlagen für Satzengine und Frontend (Usability, Ergonomie) gelegt wurden, beschäftigen wir uns derzeit mit sehr spezifischen Anforderungen von kritischen Editionen, nämlich den Referenzierungssystemen; es geht also bereits in die Feinheiten. Texte unseres kulturellen Erbes und die editionsphilologische Wissenschafts-Kultur und –Tradition haben eine schier unübersehbare Fülle und Varianz an Referenzsystemen entwickelt. Das führt sicher auch zwangsläufig zu Überlegungen zum einen darüber, wie wir diese Systeme bei einer Transition vom Analogen zum Digitalen adäquat abbilden, zum andern welche neuen Referenzierungs-Anforderungen und –Möglichkeiten die (genuin) digitalen Medien ausbilden werden (müssen)?

Im Rahmen des Projektes werden wir auf jeden Fall in den nächsten Woche und Monaten eine Beispiel-Sammlung möglicher Systeme und Schemata anlegen. Wir wären sehr neugierig auf Hinweise zu besonders „exotischen“ Beispielen!
Seite, Zeile, Vers, Buch, Kapitel, Absatz, Satz, Spalten, Überschriften, Fußnoten, Apparate, römische, arabische Ziffern, Buchstabenzählung, verschiedene Alphabete, … Paralleldruck, Synopsen, Register, Dynamik …

Zur Formulierung von Anforderungen steht uns als Testbed u.a. die Edition der Briefe Kurt Schwitters (Ursula Kocher, Wuppertal, Isabel Schulz, Hannover) zur Verfügung. Der intensive Austausch mit den Anwendern, die eine dezidiert nur fachwissenschaftliche Sicht auf die Probleme haben, ist ungeheuer hilfreich. Dieser Input aus einem konkreten laufenden Projekt bringt unsere Entwicklung gut voran. Weitere Tester, Anregungen und Kritiken sind hochwillkommen!

Im technischen Bereich geht es derzeit z.B. um Integration vorhandener Bibliotheken, um den Buildmechanismus, um Plattformunabhängigkeit (Hunspell, Cairo, Pango). Immer wieder anregend: Die intensive Zusammenarbeit von „Hard-Core“-Technikern, Informatikern und Editionswissenschaftlern!

Am Donnerstag, 2.2.2012, 14-16 Uhr, wird Martin Sievers das Projekt in unserem Institutskolloquium vorstellen (TU Darmstadt, S 103-184), ich bin gespannt auf die Reaktionen der Editionsphilologen! Gäste willkommen!